19.12.13

19. Türchen


 
Lelis öffnet das 19. Türchen
(c) Janine Sander
 Heute ist es an mir das 19. Türchen von Karos Blogübergreifenden Adventskalender zu öffnen. Ich hoffe die Geschichte gefällt euch, auch wenn sie kein sehr weihnachtliches Thema hat, sondern nur zu der Zeit spielt. Da sie recht lang ist, habe ich etwa in der Mitte  *** reingesetzt, falls ihr eine Pause braucht. ;)
Lasst mich auch noch kurz Inge & Annahoid danken fürs Korrekturlesen & Janine für das schöne Kalenderbild.

***

Pepe war ein schlechter Lügner. Die einzige Lüge, die er einigermaßen überzeugend rüberbrachte, war, dass er tatsächlich Pepe hieß. Aber auch nur, weil er sich selbst überhaupt nicht mit dem Namen identifizieren konnte, den ihm seine Eltern in einem Moment geistiger Umnachtung gegeben hatten. Peter. Welcher normale Mensch, der nach 1980 geboren war, hieß heutzutage noch Peter? Das war eine Sünde der Sechziger und Siebziger Jahre, als der Name noch in gewesen war. Doch seine Eltern schienen in der Zeit irgendwie hängen geblieben zu sein und hatten ihm den Fluch angehängt, als hätte es zu der Zeit nicht schon genug Peters in der Welt gegeben.

Nun ja, also hieß er eben Pepe. Und das war nicht wirklich eine Lüge, sondern eher ein Spitzname. Lügen konnte er nämlich wirklich nicht. Deshalb war ihm auch keine Ausrede eingefallen, als Sören ihn gefragt hatte, ob er ihn bei seinem Umzug unterstützen könnte. Alles, was Pepe in der Situation eingefallen war, hatte nach ‚Der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen‘ geklungen.



Dabei gab es viele gute Gründe, wieso er nicht helfen sollte: Er kannte Sören gar nicht so gut, er war nicht sonderlich stark, er bekam schnell Rückenschmerzen, Weihnachten stand unmittelbar vor der Tür und er musste noch einen Haufen Geschenke für seine Nichten und Neffen kaufen, außerdem hasste er Umzüge. Der einzige Grund, wieso er vielleicht doch helfen sollte, war, dass er Sören schon ziemlich anziehend fand. Er hatte nichts dagegen, dessen Schlafzimmer einmal von innen zu sehen. Allerdings sollte es dann gefälligst eingerichtet und nicht mit Umzugskartons vollgestellt sein.

Dennoch brachte er es nicht übers Herz den Mann in Stich zu lassen. Zumal er wusste, weshalb die eine Hälfte ihres gemeinsamen Bekanntenkreises nicht beim Umzug half: Eine grippale Seuche war ausgebrochen. Auch sein Kumpel Konrad, über den er Sören kennengelernt hatte, lag seit bereits einer Woche flach. Die andere Hälfte war vermutlich schon zu sehr im Weihnachtsstress versunken und einfach besser im Nein-Sagen als er.

Pepe selbst war ehrlich und höchst selten krank. Vielleicht alle zwei Jahre, wenn er nach dem Urlaub aus wärmeren Gefilden ins feuchtkalte Hamburg zurückkehrte. Dort – genauer gesagt in Ottensen – stand er nun und wartete darauf, dass sich die Umzugsgesellschaft zu Sörens alter Wohnung verirrte. Bisher war er der einzige und auf sein Klingeln hatte niemand reagiert. Trotzig beschloss er ihnen noch fünf Minuten zu geben und dann zu gehen. Wenn sie nicht einmal pünktlich sein konnten, dann musste er auch nicht übermäßig entgegenkommend sein.

Letztlich wartete er doch zehn Minuten … Dann kam endlich der Umzugswagen. Nicht etwa ein Sprinter. Nein. Es war ein älteres Modell des VW Bullis. Ihm entstieg, oder viel mehr entfaltete sich ein großer Typ, den Pepe nicht kannte. Er war blond und definitiv nicht Sören. Das war zunächst alles, was Pepe an ihm auffiel.

„Hey“, grüßte der Typ mit einer tiefen Stimme. „Bist du Pepe?“

„Äh ja“, äußerte der sich wenig eloquent. „Hi. Du bist auch ein Umzugshelfer?“

„Mhm. Isaak.“ Er nickte ihm zu und verschränkte dabei die Arme vor seiner Brust, als sein Blick über Pepe wanderte. Langsam. Pepe war sich recht sicher, dass er hier einer Bewertung unterzogen wurde, die ihm nicht gefiel. Er wusste, dass er nicht besonders stark wirkte oder war. Mit seinen eins dreiundachtzig war er zwar nicht klein, jedoch war nicht viel an ihm dran. Er sah gewiss nicht wie jemand aus, der eine Waschmaschine allein in den dritten Stock eines Altbaus tragen konnte.

Isaak schon. Der war etwa zehn Zentimeter größer als Pepe selbst und recht breitschultrig unter seinem dunkelgrauen Strickpullover, den er, trotz der Kälte, statt einer Jacke trug. Sein blondes Haar war lang und zu einem dicken Zopf nach hinten zusammen gebunden. Pepe konnte sich nicht ganz entscheiden, ob das, was Isaak in seinem Gesicht hatte, noch als ein Dreitagebart oder schon als ein richtiger Vollbart zu klassifizieren war. Er war vermutlich etwa eine Woche alt, aber an den Rändern ordentlich getrimmt.

„Genauer gesagt, der einzige Helfer außer dir“, erklärte Isaak nun in dem typisch breiten Hochdeutsch, an dem man echte Hamburger erkennen konnte. „Sind alle krank. Aber wieso stehst du noch hier draußen rum?“

„Weil niemand aufmacht“, erklärte Pepe missmutig.

Isaak runzelte die Stirn und betätigte ebenfalls die Klingel. Das hatte Pepe allerdings auch schon zweimal versucht und nichts hatte sich gerührt.

„Kann es sein, dass der Umzug ausfällt?“, hakte er nach. Beinahe stieg so etwas wie Hoffnung in ihm auf, dass Sören etwas dazwischen gekommen war.

„Nein, kann nicht sein“, meinte Isaak jedoch und kramte nach seinem Schlüsselbund. „Sören will Weihnachten unbedingt in der neuen Wohnung feiern.“

Er besaß einen Schlüssel zu Sörens Wohnung. Pepe fühlte einen leicht eifersüchtigen Stich. Mit einem Mal wurde ihm wieder bewusst, wie wenig er eigentlich über Sören wusste. Zwar hatte Konrad erzählt, dass Sören sich mit seinem Freund gestritten und so gut wie von ihm getrennt hatte, allerdings war das nur ein Gerücht. Und er kannte den potentiellen Ex auch nicht. Möglich, dass eben der in diesem Moment die Tür aufschloss. Er sah immerhin ganz gut aus und … na ja, eigentlich echt heiß.

Mit wachsendem Unbehagen folgte er Isaak in den zweiten Stock, wo dieser die Tür zu Sörens Wohnung aufschloss. Es standen einige Kisten und Kartons im Flur, gab jedoch keine Spur von Sören. Dennoch trat er hinter Isaak ein und sah sich neugierig um, während der in alle Zimmer spähte und beim letzten offenbar Glück hatte.

„Hey“, grüßte er. „Schläfst du?“

Zwischen Tür und Isaaks breiter Gestalt hindurch erhaschte Pepe einen Blick in den Raum, der offenbar das Schlafzimmer gewesen war. Das Bett war bereits auseinander genommen, aber die Matratze lag noch auf dem Boden und darauf lag Sören. Angezogen aber eingemummelt in eine Decke.

Mit einem gequälten Stöhnen richtete sich Sören auf. Seine schönen, braunen Augen glänzten fiebrig und sein dunkelblondes Haar stand zerzaust von den Seiten ab. „Was? Hast du geklingelt?“

„Ähm ja. Pepe auch.“ Isaak nickte in dessen Richtung. „Dich hat es also auch erwischt?“

„Ja, Scheiße“, krächzte Sören. „Oh Mann. Hi Pepe.“

„Hallo!“ Pepe trat noch einen Schritt näher.

„Sorry, muss eingeschlafen sein.“ Mühsam stand Sören auf und schwankte in ihre Richtung. „Na ja, bringen wir es hinter uns.“

„Du kannst nicht mal ein Kissen tragen in deinem Zustand“, stellte Isaak trocken fest.

„Muss ja“, entgegnete Sören und schlurfte an ihnen vorbei. „Morgen ist Schlüsselübergabe.“

Isaak schnaufte leise, doch dann zuckte er mit den Schultern. „Also dann …“

„Äh, meint ihr echt, dass das eine gute Idee ist?“, hakte Pepe nach. „Sören, du siehst wirklich so aus, als solltest du dich besser wieder hinlegen.“

Doch Sören schüttelte eigensinnig den Kopf, nur um sich gleich mit beiden Händen über die Schläfen zu fahren und aufzuseufzen. Die Geste schien auch Isaak zum Einlenken zu bringen, denn er griff nach Sörens Schulter, um ihn aufzuhalten, als der sich nach einer Kiste bücken wollte.

„Keine Chance“, entschied er knapp. „Geh zu Ulrich und leg dich zu ihm. Wir schaffen das hier schon. Die Schlüssel für die neue Wohnung habe ich ja auch.“

„Nein, ich kann euch doch nicht meinen Umzug allein machen lassen. Außerdem ist Ulrich noch kränker als ich.“

„Eben drum“, meinte Isaak. „Ihn pflegen kriegst du wahrscheinlich besser hin, als uns zu helfen. Tut euch beiden sicher auch ganz gut.“

Pepe sah Isaak groß an. „Äh …“ Dumme Idee. Ulrich. Genau. Das war der Name von Sörens Freund. Konrad hatte ihn erwähnt. Anscheinend war der aber leider doch noch nicht Ex. Und abgesehen davon: „Nur wir beide? Einen ganzen Umzug?“

Isaak nickte. „Das geht schon.“

„Sicher?“, krächzte Sören.

Pepe war sich alles andere als sicher. Jetzt war sein einziger Grund, bei diesem Umzug zu helfen, nicht nur krank, sondern auch noch vergeben. Er fühlte sich, als hätte ihm jemand in die Magenkuhle getreten. Es ergab überhaupt keinen Sinn, dass er sich hier so aufrieb.

„Na ja, wir können dich ja schlecht hängen lassen, oder?“, meinte Isaak.

„Hm.“ Sören sah Pepe zweiflerisch an. „Aber … das kann ich von Pepe echt nicht verlangen. Ist schon riesig, dass er seine Hilfe überhaupt angeboten hat.“

Pepe unterdrückte den Widerspruch, dass er gar nichts angeboten hatte, sondern gefragt worden war. Stattdessen siegte in ihm wieder einmal die Nettigkeit. „Nein, schon gut. Du solltest dich wirklich schonen.“ Natürlich half er. Er war ein hilfsbereiter Mensch und würde wochenlang ein schlechtes Gewissen haben, wenn er Isaak die ganze Arbeit allein machen ließ. Fluchen tat er dennoch innerlich. „Ist denn wenigstens alles gepackt?“

„Ja.“ Sören nickte. „Das habe ich noch hinbekommen.“

„Dann geht es bestimmt schnell.“ Pepe klang zuversichtlicher, als er sich fühlte.

„Hm, na gut.“ Zögernd griff Sören nach seiner Jacke, die im Flur hing. „Aber ihr meldet euch, wenn ihr doch noch meine Hilfe braucht.“

„Klar“, meinte Isaak.

„Okay, vielen, vielen Dank. Dafür … schulde ich euch wirklich was.“ Es folgten ein paar weitere Bekundungen, wie unglaublich toll sie waren, ehe Sören aus der Wohnung taumelte. Er war wirklich krank.

Pepe sah ihm resigniert hinterher. Krank und vergeben. So eine Scheiße. Er zog sich die Wollmütze vom Kopf und wuschelte einmal durch sein braunes Haar, um wieder ein wenig Volumen in seine Frisur zu bringen. „Okay, womit fangen wir an?“

„Teilen wir den Weg auf“, schlug Isaak vor. „Du bringst die Kartons aus der Wohnung in den ersten Stock und ich von dort in den Bulli.“

Pepe hatte nichts dagegen einzuwenden. So musste er wenigstens nicht immer wieder hinaus in die Kälte. Er wollte schließlich nicht auch noch krank werden.

Allerdings kam er sich furchtbar dumm vor, dass Isaak, der eigentlich den weiteren Weg hatte, immer bereits auf ihn wartete, wenn er mit einem neuen Karton aus der Wohnung kam. Bereits nach kurzer Zeit geriet er ins Schwitzen und hatte keine Lust mehr. Zumal in der kleinen Wohnung noch so unglaublich viel Zeug stand. Das bekamen sie nie im Leben alles auf einmal in den Transportwagen.

Als er diesen Verdacht vor Isaak äußerte, zuckte der nur mit den Schultern. „Ich dachte, wir bringen jetzt erst mal die paar Kisten runter zum Warmwerden. Und dann wagen wir uns an die Waschmaschine und das Sofa. Die sollten auch als erstes in den Wagen.“

„Wie viele Kisten haben wir denn schon?“

Über Isaaks scharfe Züge huschte ein Schmunzeln. „Erst sechs Kartons.“

Pepe entwich ein kurzes, wehleidiges Seufzen, ehe er kehrt machte und den siebten, schweren Karton in den ersten Stock hievte. Eigentlich wollte er nicht jammern, doch es fiel ihm wirklich schwer. Also biss er die Zähne zusammen, als er ihn Isaak weiterreichte, der mal wieder auf ihn wartete.

Sie arbeiteten größtenteils schweigend. Abgesehen von Pepes Warnungen, wie „Achtung, schwer!“ oder „Oh mein Gott, noch schwerer.“ Doch Isaak schmunzelte nur und hatte offensichtlich keine Probleme damit, dass Sören eine Leseratte war und die Kartons größtenteils Bücher enthielten.

Dadurch, dass der andere Umzugshelfer recht wortkarg war, begann sich Pepe unweigerlich Gedanken zu machen. Sören war also doch noch mit Ulrich zusammen. Natürlich war er das. Dumm von ihm davon auszugehen, dass sie sich wegen eines Streits gleich trennen würden. Wenn es einen Prototyp für den perfekten, treuen Partner gab, dann war das Sören. Dennoch – oder eben darum – war Pepe ziemlich enttäuscht.

„Woher kennst du eigentlich Sören?“, erkundigte er sich bei der nächsten Kartonübergabe. Isaak war nicht in Pepes weiterem Bekanntenkreis, dessen war er sich sicher, denn er wäre ihm definitiv aufgefallen.

„Bin sein Cousin.“

„Aha.“ Pepe holte den nächsten Karton, während er über die neue Information nachdachte. Im Gegensatz zu Freunden, konnte man sich Verwandtschaft nicht aussuchen. Daher brachte ihn das Wissen nicht wirklich weiter und machte ihn noch neugieriger.

Isaak dagegen schien sich ausschließlich für ihre Aufgabe zu interessieren. Sobald er den Karton sicher gegriffen hatte, lief er damit leichtfüßig die Treppe hinunter. Er trug eine abgenutzte Jeans, die genau an den richtigen Stellen ausgeblichen war und sich appetitlich über seinen Hintern spannte.

Wahrscheinlich war er aber ohnehin hetero, vermutete Pepe. Seufzend riss er sich zusammen und bemühte sich schließlich um den letzten Karton. Als er ihn an Isaak weitergab, frage er recht sachlich: „Und jetzt die Couch?“

„Ja, ist sie frei geräumt?“

„Ich kümmere mich drum, während du den Karton runterträgst“, schlug Pepe vor.

Die Couch war tatsächlich zwischen mehreren anderen, jedoch bereits auseinander gebauten Möbelteilen eingekeilt, die Pepe schlicht zur Seite räumte und in einer Ecke stapelte. Er lehnte gerade den letzten Regalboden an seinen Stapel, als er Isaaks Schritte hinter sich vernahm. „Schon geguckt, ob man die Couch auseinander nehmen kann?“

„Ähm, nee. Soweit bin ich noch nicht gekommen.“

„Hm.“ Sich durch den Bart reibend trat Isaak auf das Ungetüm zu und studierte es abwägend. Er nahm ein Sitzkissen hoch, ruckelte an der Rücklehne und schüttelte seufzend den Kopf. „Sieht nicht so aus.“

Pepe hatte ohnehin nicht damit gerechnet, jedoch beunruhigte ihn Isaaks Ton. Wenn selbst der so missmutig an die Aktion heranging, musste das Ding verteufelt schwer sein. Einen Moment schloss Pepe die Augen. Doch es half ja nichts. Schulterzuckend durchquerte er das Zimmer und positionierte sich am Couchende. „Na dann … Je eher daran, desto eher davon.“

Erneut war die Antwort nur ein Schmunzeln. Isaak nahm das andere Ende und gemeinsam hoben sie das Möbelstück an. Es ging eigentlich noch. Pepe hatte es sich schwerer vorgestellt. Es war nur scheußlich sperrig und vermutlich hatte Isaak deshalb so pessimistisch geklungen. Letztlich geriet Pepe, der das leichtere Stück Arbeit hatte, da er immer am oberen Ende der Treppe und vorwärts ging, erneut sehr ins Schwitzen, aber nur, weil sie es umständlich drehen und wenden mussten, um das enge Treppenhaus hinunter zu kommen.

Als sie die Couch endlich im Bulli untergebracht hatten, bestand für Pepe kein Zweifel mehr: Er hasste Umzüge. Zum ersten Mal war er richtig dankbar dafür, dass Isaak ein verschlossener Geselle war, so musste er seine schlechte Laune immerhin nicht überspielen und konnte leise vor sich hin grummeln. Das Schlimmste kam freilich noch: Die Waschmaschine. Ein Modell der guten Marke Miele, jedoch schon mindestens zehn Jahre alt, verdammt schwer und unmöglich auf anständige Art zu tragen.

Diesmal geriet offenbar auch Isaak an seine Grenzen und sie konnten nur Stufe für Stufe vorankommen. Schlimmer wurde es noch, weil irgendwo Restwasser austrat und Pepes Hände ständig abzurutschen drohten. Im ersten Stockwerk musste er daher um eine Pause bitten. Aber auch Isaak war aus der Puste. Ihm stand sogar ein leicht glänzender Schweißfilm auf der geraden Stirn. Zudem ging von ihm ein verlockend herbes Aroma aus.

„Geht’s wieder?“, fragte Isaak nach vielleicht einer Minute.

Pepe beließ es bei einem Nicken, obwohl er eigentlich lieber noch ein paar Minuten gewartet hätte. Zumindest bis sich die Blutzirkulation in seinem Schädel beruhigt und er nicht mehr dieses dumpfe, ungesunde Hämmern seines unsportlichen Herzens in den Ohren gehört hätte. Doch er biss die Zähne zusammen und machte sich mit Isaak an das letzte Stockwerk. Zwanzig Stufen und ein wackeliger Gang zum Bulli später, stand das Gerät dann endlich in der mit Linoleum ausgelegten Ladefläche des Kleinbusses.

„Ist das eigentlich deiner?“, wollte Pepe wissen.

„Ja.“

„Praktisch.“

Isaak nickte. Ein unglaublich gesprächiger Kerl.

Als Nächstes machten sie sich daran, die bereits herunter getragenen Kartons neben die beiden sperrigen Gegenstände zu stellen, ehe sie sich einvernehmlich an die bereits auseinander gebauten, sperrigen jedoch leichteren anderen Möbel, wie Bett, Schränke und Regale, machten. Dank Isaaks Packkunst passte erstaunlich viel in den kleinen Bulli. Letztlich waren nur noch ein paar Regalböden, die technischen Geräte und die Pflanzen in der Wohnung übrig, als beim besten Willen nichts mehr in den Bulli passen mochte.

„Bist du eigentlich mit deinem Auto hier?“, erkundigte sich Isaak.

Pepe unterdrückte ein Seufzen und nickte. Wenig später war sein kleiner Polo mit den restlichen Dingen beladen und er fuhr hinter Isaaks Bulli zur neuen Wohnung. Es war eiskalt in seinem Wagen und er hatte kräftig geschwitzt. Ein Wunder, wenn da nicht selbst sein gutes Immunsystem versagen würde, doch er versuchte positiv zu denken. Immerhin hatte er noch längst nicht alle Geschenke. Demnach durfte er einfach nicht krank werden.

Aus seinem kurzfristig gefassten, kühnen Plan nur noch beim Sofa und der Waschmaschine zu helfen und Isaak dann seinem Schicksal zu überlassen, wurde natürlich nichts. Zunächst mussten natürlich alle anderen Dinge ausgeladen werden, ehe sie überhaupt an die sperrigen Dinge heran kamen. Den Kühlschrank – es war nur ein kleiner, einfacher mit kleinem Eisfach und drei Kühlfächern plus Gemüsefach – trug Isaak zum Glück wie auch bei der alten Wohnung ganz allein. Offensichtlich war er nicht so schwer, wie eine Waschmaschine.

Die kam als Nächstes und zum Schluss das Sofa. Pepe bereute zu wenig Sport gemacht zu haben und versprach seinem überanstrengten Herz mehrfach, das in Zukunft zu ändern, wenn es nur durchhielt, bis sie den dritten Stock des Altbaus erreicht hatten. Schließlich – kaum stand das Sofa inmitten lauter Kartons und Möbelteile – ließ er sich völlig erschöpft darauf fallen und beschloss einfach dort liegen zu bleiben, bis er entweder gestorben oder Sören wieder gesund war und seine Wohnung beziehen wollte.

Was Isaak in der Zwischenzeit tat, interessierte ihn nicht.

Pepe wusste immer noch nicht, was er von ihm halten sollte. Er mochte Menschen wie Sören, die interessiert waren, an dem was er zu sagen hatte und auf ihn eingingen. Dann fühlte er sich intelligent und neigte auch nicht dazu unsicher zu wirken. Aber wenn Menschen ihn behandelten, wie eben Isaak, fühlte er sich … eher fürchterlich ungeschickt und hatte er einen Hang dazu, Blödsinn zu plappern.

„Hier.“ Etwa kaltes Hartes wurde an seine Stirn gelehnt.

Als Pepe die Augen aufschlug, sah er verschwommen eine grüne Flasche, die er problemlos als Becks Behältnis identifizieren konnte. Er griff reflexhaft danach. Trinken. Eine gute Idee. „Danke.“

„Hab uns Pizza bestellt. Auf Sörens Rechnung.“ Isaak hob Pepes Beine, die auf der Couch lagen, kurz an und setzte sich darunter, ehe er sie wieder losließ.

Für einen Augenblick stutzte Pepe, doch dann nahm er sie schleunigst selbst von der Couch plus Isaak und setzte sich aufrecht hin. Pizza war auch eine gute Idee, denn er spürte, dass er ordentlich Hunger bekommen hatte. Allerdings war auch eine Dusche eine gute Idee, denn er war immer noch ganz nass geschwitzt und die Wohnung kühl.

„Funktioniert die Heizung eigentlich schon?“, erkundigte er sich aus dem Gedanken heraus. Er wollte eben aufstehen und der Sache auf den Grund gehen, da war Isaak bereits aufgesprungen und drehte die Heizung hoch. Auf dem Rückweg zur Couch nahm er sich eine der Decken, mit der sie die empfindlicheren Holzteile der Möbel abgedeckt hatten, und legte sie Pepe ungefragt über die Schultern.

„Oh, äh, danke.“ Verlegen rückte Pepe sie zurecht.

Isaak zuckte nur mit den Schultern und schmunzelte mit einem Seitenblick auf ihn, während er sich auf der Couch zurücklehnte und anscheinend stillschweigend auf die Pizza warten wollte. Zumindest sagte er nichts.

Pepe tat es ihm nach. Er schloss die Augen, nahm einen tiefen Schluck von dem Bier und versuchte sich zu entspannen. Überraschender Weise gelang es ihm trotz der Nähe zu dem fremden Mann neben sich recht gut.

„Ich glaube, du bist viel zu nett“, meinte Isaak plötzlich leise.

„Hm?“ Verdutzt schlug Pepe die Augen auf und starrte ihn an.

Isaak lehnte immer noch an der Rückenlehne der Couch und schaute entspannt zurück. Auf seinen Lippen lag wieder diese Andeutung eines Lächelns. „Sören hätte das nicht ausnutzen dürfen.“

Pepe fühlte sich durchschaut. Wahrscheinlich hatte Isaak erraten, was ihn in erster Linie zum Helfen bewogen hatte. Es zu leugnen hatte keinen Zweck, daher beschloss er einfach darüber hinwegzugehen. „Vielleicht. Letztlich musst du wohl auch zu nett sein, sonst hättest du nicht vorgeschlagen, das Ganze zu zweit durchzuziehen.“

„Kann sein.“ Isaaks Schmunzeln wurde deutlicher. „War aber nicht nett von mir, dich mit reinzuziehen.“

„Und alles alleine machen?“ Pepe runzelte die Stirn.

Das hintergründige Lächeln auf Isaaks Lippen wurde noch ein wenig breiter, doch sein Besitzer hob nur kurz die Schultern. „Ist ja jetzt egal. Wir haben es geschafft.“

„Hm.“ Um seine Unsicherheit zu überspielen, nahm Pepe noch einen Schluck von dem Bier. Er wurde einfach nicht schlau aus Isaak. Nicht einmal aus ihrer Unterhaltung. „Welche Pizza hast du bestellt?“

„Eine mit Salami und eine mit Thunfisch. Ich dachte, eins davon mag jeder. Oder bist du Vegetarier?“

„Nein, mag beides.“ Am liebsten machte er sich Pizza selbst, aber nach den ganzen Strapazen, konnte er sich ruhig einmal eine fettige Lieferservice-Pizza genehmigen. Sein Blick wanderte zum Fenster. Es wurde bereits dunkel. Er hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. „Oh Mann, wie spät ist es eigentlich?“

„Irgendwas um vier herum“, vermutete Isaak.

Dafür, dass sie nur zu zweit den ganzen Umzug gemacht hatten, waren sie eigentlich recht schnell gewesen. Dennoch hatte Pepe nicht so viel Zeit eingeplant gehabt. Wenn er nicht so kaputt gewesen wäre, wäre er vielleicht einfach gegangen und hätte die Pizza sausen lassen. Doch er mochte sich nicht rühren. Und die Couch war gerade so gemütlich.

„Ein heißes Bad wäre jetzt toll.“

„Da ist ein Karton mit der Aufschrift Badezimmer.“

„Na ja, ich meinte eher ein Bad bei mir zu Hause und nicht in einer nicht eingerichteten, fremden Wohnung, wo ich nicht weiß, in welchem Karton die Handtücher sind und ich keine Wechselsachen dabei habe.“

„Wie du meinst.“ Isaak schien zu überlegen oder vielmehr zu zögern. „Du kannst auch bei mir baden. Ich habe die Wohnung im Dachgeschoss.“

„Hier drüber?“

„Noch eins höher.“

„Oh, dann hast du Sören die Wohnung vermittelt?“

„Kann man so sagen.“

„Praktisch. Anders ist es auch echt schwer momentan eine Wohnung in Hamburg zu finden.“

Wieder einmal nickte Isaak nur schmunzelnd.

Pepe presste die Lippen aufeinander und beschloss auch nichts mehr zu sagen. Isaak war am Zug. Er sah es überhaupt nicht ein, die Konversation allein zu bestreiten, wenn der andere so wenig dazu beizutragen hatte und ihn wahrscheinlich insgeheim dafür belächelte, dass er sich so bemühte. Tatsächlich schwiegen sie so lange, dass Pepe schon ganz kribbelig wurde.

„Also, willst du bei mir baden?“ hakte Isaak nach einer kleinen Ewigkeit nach. „Oder duschen?“

Pepe zierte sich verlegen. „Hm, nein, ich denke, ich warte nur auf die Pizza und dann raffe ich mich auf und fahr heim.“

„Ich könnte dir Sachen zum Wechseln leihen und Handtücher habe ich auch.“

Zögernd warf Pepe einen Seitenblick auf Isaak. Der wiederum musterte ihn recht unbefangen. Er saß ihm halb zugewandt und hatte den Arm entspannt auf die Rückenlehne gelegt, so dass seine Hand beinahe Pepes Nacken berührte. Jetzt begann sich Pepe erst recht kribbelig zu fühlen.

Er war eigentlich davon ausgegangen, dass Isaak hetero war. Aber wenn ein attraktiver Mann mit blonden Stoppeln, langen, hellen Wimpern und so herrlichen Lippen ihm ein Bad anbot, war das doch sehr verführerisch. Dennoch war er unsicher, ob Isaak ihm nur aus Nettigkeit anbot, sich bei ihm baden zu dürfen, oder … ob er einen Vorwand brauchte, um ihn in seine Wohnung zu bekommen. Nackt.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er Isaak immer noch anstarrte. Seine Augen suchten Isaaks und fanden deren Blick ebenfalls auf sich gerichtet. Sie sahen sich an. Pepes Herz begann immer lauter zu pochen. Schließlich hörte er sich selbst sagen: „Duschen klingt eigentlich gar nicht so übel.“

„Ich habe eine große Wanne.“ Isaaks Stimme war ein wenig rau.

„Ach so?“ Pepe nahm seinen ganzen Mut zusammen. „Dann lohnt es sich aber für einen alleine ja gar nicht …“

„Nein, nicht wirklich …“ Isaak neigte den Kopf zur Seite und grinste ihn schief an.

„Also?“ Pepe würde es ganz gewiss nicht von sich aus vorschlagen. Der Schritt musste einfach von Isaak kommen. Immerhin war es seine Wanne.

Allerdings schien der sich auch noch nicht ganz sicher zu sein, ob er mit ihm zusammen in die Wanne hüpfen durfte. Er wirkte beinahe schüchtern, als er sich einen Ruck gab und ihn fragte: „Also … wollen wir uns eine teilen?“

In Pepes Lenden zog es bei der Vorstellung, mit Isaak zusammen in eine große Wanne mit heißem Wasser abzutauchen. Auch wenn er immer noch nicht so recht glauben konnte, worauf er sich gerade einließ, nickte er. Wie ihr Gespräch plötzlich diese Wendung hatte nehmen können, wusste er auch nicht. Eigentlich kannte er Isaak doch gar nicht. Aber … nach all dem Stress hatte er sich eine kleine Belohnung ja wohl verdient. Isaak war ihm auch viel lieber als fettige Pizza. Wobei … „Was ist mit der Pizza?“

„Dauert sicher noch oder willst du warten?“, hakte Isaak nach. „Wir können sie notfalls auch in der Wanne essen. Hab dem Boten eh meine Handynummer gegeben, weil unten noch kein Klingelschild ist.“

„Oh, na dann …“ Um den Boten hatte sich Pepe nämlich eigentlich Gedanken gemacht. „Ich dachte nur … nicht dass er hier umsonst klingelt und wir oben sind.“

„Du bist wirklich viel zu nett, Pepe.“ Mit einem Schmunzeln erhob Isaak sich und streckte ihm dann die Hand entgegen.

Pepe griff beherzt danach und ließ sich aus dem bequemen Sofa ziehen. Er konnte jetzt schon seinen Rücken spüren. Vielleicht half ein entspannendes Bad tatsächlich um Schlimmerem vorzubeugen. Entspannendes Bad mit einem Typ wie Isaak? Pepe musste beinahe über sich selbst lachen. Eher unwahrscheinlich. Ganz sicher, was ihn erwarten würde, war er sich jedoch nicht. Baden mit einem ihm nahezu Unbekannten … Was dachte er sich eigentlich dabei?

* * *

Bevor sich seine Zweifel jedoch vertiefen konnten, bemerkte er, dass Isaak immer noch seine Hand festhielt, obwohl er inzwischen sicher auf beiden Beinen stand. Es fühlte sich angenehm an. Isaaks große Hand war warm und trocken, ihr Griff fest, aber dennoch nicht zu kräftig. Eher sanft. Sein Daumen strich dabei über Pepes Handrücken. Irgendwie hatte die Geste etwas … Pepe konnte es zunächst nicht beschreiben, erst als er zu Isaak aufblickte und feststellte, dass dessen Augen noch auf die Verbindung ihrer Hände gerichtet waren, begriff er, dass Isaak anscheinend die gleichen Zweifel hatte wie er selbst.

In seinem Herz ziepte es leicht. Der Mann war schwer zu durchschauen, doch allmählich begann sich Pepe ernsthaft für ihn zu interessieren. Nicht nur körperlich. Zögernd griff er mit seiner eigenen Hand fester zu und zog Isaaks zu sich. Sie sahen sich in die Augen. Auf dessen Lippen lag wieder das hintergründige Lächeln. Er wirkte nicht unsicher, nur sehr bedächtig, als er noch einen Schritt auf Pepe zu machte und so den Abstand zwischen ihnen minimierte.

Unwillkürlich hielt Pepe den Atem an, als sich Isaak langsam vorlehnte. Er hätte ausweichen können, wenn er gewollt hätte. Aber er wollte nicht. Er wollte wissen, wie sich Isaaks Lippen anfühlten. Aufgeregt erwartete er das Ereignis und streckte sich Isaak ein wenig entgegen, um es zu beschleunigen.

Sie waren warm, weich und wundervoll. Die Bartstoppeln waren ebenfalls ganz weich und piksten kaum noch. Behutsam intensivierten sie den sachten Kuss. Es war ein beidseitiges, langsames Herantasten. Und es gefiel Pepe sehr. Er hatte noch nie einen Mann auf diese Art kennengelernt. Entweder er hatte mit seinen früheren Partnern zuvor lange Unterhaltungen geführt, ehe sie intim geworden waren oder in seltenen Fällen, war er mehr oder weniger überrannt geworden. Das war jedoch meist feucht, drängend und ziemlich erregend gewesen, aber nie wirklich befriedigend.

Er lernte Isaak langsam kennen und das ganz ohne Worte. Und trotzdem begann er ihm schon zu verfallen. Die Art zu küssen … Es war beinahe so, als würde Isaak damit in ihn hineinlauschen. Langsam wurde der Kuss mehr. Isaaks freie Hand legte sich an Pepes Seite und griff in seinen Pullover. Auch Pepe tastete mit seiner Hand nach Isaak und klammerte sich in dessen Strickpulli etwa in Höhe seines Schlüsselbeins. Seine eigentliche Aufmerksamkeit blieb jedoch auf den Kuss gerichtet.

Irgendwann lösten sie sich voneinander. Ebenso behutsam wie sie angefangen hatten. Der Kuss schmeckte definitiv nach mehr und es fiel Pepe schwer von Isaaks Lippen zu lassen. Doch er wollte auch nicht, dass es hier zwischen all den Umzugskartons zu mehr wurde. Er war bereits ziemlich atemlos und spürte eine warme Erregung in sich aufsteigen.

Isaaks Hand strich über seine Seite, ehe sie ihn losließ. „Also …“ Er räusperte sich leise, da seine Stimme sehr heiser klang. „Ein heißes Bad?“

Nickend trat Pepe einen Schritt zurück. Ihm war angenehm schwindlig.

Isaak schenkte ihm noch ein kleines Lächeln, dann zog er ihn einfach mit sich. Raus aus der zugestellten Wohnung, in das Pepe schon sehr bekannte Treppenhaus, hinauf, in das Dachgeschoss. Hier gab es nur eine Tür. In den unteren Stockwerken waren es immer zwei Wohnungen pro Etage gewesen. Eine Weile musste Isaak nach dem Schlüssel in seinen Hosentaschen kramen.

Es störte Pepe nicht. Allerdings rieb es ihn auf, da sein Blick so unwillkürlich auf Isaaks Schritt gezogen wurde. Sein Herz begann noch schneller zu pochen und er spürte, wie er selbst hart wurde. In seinem Kopf bildete sich ein leichtes Vakuum. Mit diesem beschwingten Gefühl in seinem Inneren trat er hinter Isaak ein und sah sich um. Der Dachboden schien erst kürzlich ausgebaut worden zu sein und hatte eine Art Loft-Charakter.

Es gab keinen Flur, man stand sofort im großen Wohn- und Essbereich mit den Dachschrägen zu beiden Seiten. Eine leichte Unordnung herrschte hier. Ein Geschirrtuch hing über einem der Stühle beim Esstisch, auf welchem auch noch ein benutzter Teller stand. Auf der bequem wirkenden Couch lag eine zerknüllte Decke, eine angebrochene Tüte Bonbons auf dem flachen Tisch davor und vor dem Fernseher auf dem Boden eine geöffnete DVD-Hülle. Es war nicht dreckig, nur ein wenig unaufgeräumt und dadurch sehr gemütlich. Die Möbel waren schlicht, passten aber sehr gut zusammen und ergaben ein harmonisches Gesamtbild.

„Das Bad ist dort“, meinte Isaak leise und deutete auf eine Tür neben der Küchenzeile. Es gab noch eine weitere Tür, die vermutlich ins Schlafzimmer führte.

Diesmal wollte Pepe vorgehen, um sich gleich einen Eindruck von dem Zimmer zu machen. Doch er kam nicht weit. Drei Schritte vielleicht. Dann umschlangen ihn Isaaks Arme von hinten und der presste sich an ihn. Es fühlte sich so gut an, dass Pepe unwillkürlich die Augen schloss und leise aufseufzte, als Isaaks Lippen die empfindliche Haut seines Halses berührten. Es zog abermals in seinem Schritt und das warme Gefühl in ihm wurde stärker.

Ohne von ihm abzulassen, drängte ihn Isaak weiter Richtung Bad. Pepe ließ sich schieben und öffnete seine Augen nur einen Spalt, um sicherzustellen, dass sie nirgends gegen liefen. Schließlich öffnete er die Tür und einen Moment später die Augen wieder ganz. „Wow …“ Das war tatsächlich ein großes Badezimmer. Es war ungefähr dreimal so groß wie sein eigenes. Die eine Wand war vollkommen verspiegelt, während der Rest in einem unaufdringlichen, hellen Grauton mit großen Kacheln gefliest war. Die Badewanne war locker groß genug für zwei ausgewachsene Männer.

„Du hast echt eine coole Wohnung. Das Bad ist der Hammer.“

„Danke.“

„Wie hast du die gefunden?“

„Nicht gefunden. Das meiste habe ich selbst gemacht.“

Isaak ließ von seinem Hals ab, die Hände strichen aber weiter über Pepes Bauch. Pepe spürte immer noch Isaaks heißen Körper hinter sich. Es fiel ihm schwer, sich auf ihre Unterhaltung zu konzentrieren, jedoch wollte er das genauer wissen. Ihm war wieder bewusst geworden, dass er eigentlich gar nichts über Isaak wusste. Außer dass er ein netter Typ zu sein schien, mit einem Lächeln, das ihn wahnsinnig machte und … nun noch viele andere Aspekte, aber nichts davon verriet ihm wirklich, wer Isaak war und was er machte.

„Wie selbst gemacht?“, fragte er daher verdutzt. „Du meinst, du hast die Wohnung renoviert?“

„Ja, sozusagen.“

„Wow.“ Pepe war tierisch beeindruckt, wollte es aber schon etwas genauer wissen. „Wie sozusagen?“

„Bin Innenarchitekt und mache das Meiste der Umsetzung gerne selbst. Zumindest in meiner eigenen Wohnung.“

„Ah.“ Innenarchitekt. Pepe war verblüfft. Dann wiederum auch nicht. Es passte zu Isaak, fand Pepe. Der ganze Mann fügte sich gut zusammen. Alles passte an ihm. Dennoch wurde er nicht schlau aus Isaak und das Bedürfnis ihn zu erkunden, wurde immer drängender. Pepe drehte sich zu ihm herum, um ihn anzusehen.

Er kam nicht dazu. Ehe er sich versah, hatte sich Isaak schon wieder vorgebeugt und verführte ihn zu einem neuen Kuss. Im Nu hatte Pepe seine ursprüngliche Absicht vergessen und gab sich ihm einfach hin. Reden konnten sie auch später noch, war sein letzter Gedanke, ehe er seine Hände unter Isaaks Pulli schob und dessen warme Haut erkundete. Gott, der Mann fühlte sich gut an.

Eine Weile vergaß Pepe ganz, dass sie eigentlich baden wollten. Auch Isaak schien es nicht besonders eilig damit zu haben. Sie küssten sich. Nichts weiter. Ihre Hände erkundeten zwar den Oberkörper des anderen, blieben aber zahm und eher im Hintergrund. Der Kuss dagegen wurde immer besser. Zunächst noch zärtlich und behutsam, wurden Isaaks Lippen immer mutiger und fordernder. Pepe hatte die Augen wieder geschlossen und überließ es Isaak, das Tempo vorzugeben. Er erwiderte alles, was der ihm gab, initiierte jedoch von sich aus nichts Neues.

Der Kuss blieb lange Zeit nur ein Liebkosen der Lippen. Als sich Isaak behutsam mit seiner Zunge vorwagte, hatte Pepe schon kaum noch damit gerechnet, spürte aber, wie es ihn jetzt umso mehr erregte. Er seufzte leise, öffnete den Mund und gewährte Isaak Einlass. Dessen Hände griffen fester nach ihm, zogen Pepes Körper an seinen, doch sonst blieb er still, wenngleich sein Kuss leidenschaftlicher wurde. Pepe konnte sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt so geküsst worden war. Der Kuss war kein Vorspiel. Er war alles, was Isaak gerade von ihm wollte. Vielleicht kam später mehr, aber momentan spielte es einfach keine Rolle.

Als sie sich schließlich atemlos voneinander lösten, prickelten Pepes Lippen aufregend und ihm war so heiß, sein Atem raste. Er konnte Isaak gar nicht loslassen, weil sich seine Knie ganz weich anfühlten.

Aus seinen dunklen Augen betrachtete Isaak ihn nicht weniger atemlos und wieder mit diesem Lächeln auf den Lippen. Pepe lächelte einfach nur zurück. Isaaks Lächeln wurde ein wenig breiter und er hauchte ihm noch einen leichten Kuss auf die Lippen. Nur kurz. Dann wanderte sein Blick zur Badewanne. „Ich lass das Wasser einlaufen.“

Pepe nickte und gab ihn widerwillig frei. Er lehnte sich an das Waschbecken, das in ein dickes Eichenboard eingelassen war, um wenigstens ein wenig Halt zu haben und beobachtete Isaak, wie er sich über die Wanne beugte, um die richtige Temperatur einzustellen. Als er seinen Knien wieder traute, begann er sich die verschwitzten Klamotten auszuziehen. Es war ein wenig kühl und er bekam sogleich eine Gänsehaut. Umso mehr freute er sich auf das heiße Nass, das ihn erwartete.

Anscheinend hatte Isaak nicht erwartet, ihn bereits nackt vorzufinden, als er sich wieder zu ihm umwandte. Seine Augenbrauen zuckten nämlich überrascht. Dann wurden seine Augen schmal, als ihr Blick ungeniert über Pepes Körper glitt. Pepe machte das leicht nervös, doch er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Eigentlich hatte er ein recht gutes Verhältnis zu seinem Körper. Er wusste, dass er nicht sonderlich muskulös war, aber er war schlank und pflegte sich, so dass seine Haut geschmeidig blieb und die Körperhaare getrimmt waren.

Dass er nicht sonderlich muskulös war, sollte nichts Neues für Isaak sein und wenn er ihn hierher eingeladen hatte, nahm Pepe nicht an, dass es ihn störte. Isaak machte auch nicht den Eindruck, als würde ihn irgendetwas an ihm stören. Er betrachtete ihn dafür eindeutig zu lange. Es ging beinahe ins Starren über, ehe er sich schließlich zusammenriss und seinen Blick wieder auf Pepes Gesicht richtete. Er lächelte etwas schelmisch, als er sich den Pullover mit allen Schichten, die er darunter trug, über den Kopf zog und ihn achtlos auf den gefliesten Boden fallen ließ.

Wie erwartet, war Isaak muskulöser als Pepe, jedoch nicht so stark ausgeprägt, wie es auf den ersten Blick den Anschein gehabt hatte. Der Pullover hatte ihn stämmiger gemacht, als er tatsächlich war. Aber das gefiel Pepe nur noch besser. Isaaks Brusthaar hatte etwa die gleiche Länge, wie das in seinem Gesicht. Es passte zu ihm, wie auch der schmale, dunkelblonde Haarstrich, der in seiner Hose verschwand. Die Hose folgte dem Pullover als nächstes. Sie glitt – einmal geöffnet und vom schweren Gürtel beschleunigt – mit einem dumpfen Laut zu Boden. Isaak trat sich daraus frei und verlor dabei auch gleich, wenig elegant, seine Socken. Blieben nur noch die schwarzen Pants.

Pepe brach an dieser Stelle bewusst den Zauber des unkomplizierten Striptease und trat auf Isaak zu, der darauf – die Hände bereits am Bund des letzten Kleidungsstückes – verharrte. Pepe vertrieb die Hände mit seinen eigenen und glitt mit seinen Fingern zärtlich über die Haut oberhalb des Hosenbunds. Isaak bekam eine Gänsehaut. Schmunzelnd blickte Pepe zu ihm auf. Als hätte er nur darauf gewartet, lehnte sich Isaak vor und gab ihm einen Kuss. Er war anderes, als die vorherigen. Drängender.

Pepe zögerte es nicht länger hinaus und zog ihm die Pants über den Hintern. Dass Isaak darunter hart war, hatte Pepe bereits gesehen, dennoch entlockte es ihm einen erregten Laut, als Isaaks Penis freisprang und dabei seinen Bauch berührte. Im nächsten Moment zog Isaak ihn auch schon an sich. Haut an Haut. Pepe keuchte auf. Der Kuss geriet in den Hintergrund. Isaaks Lippen glitten von seinen ab, kosten stattdessen sein Kinn und wanderten dann seinen Kieferknochen entlang in Richtung Hals.

Pepe bebte erregt.

„Verdammt“, fluchte Isaak plötzlich leise, so leise, dass Pepe ihn nur hörte, weil sich Isaaks Mund direkt unterhalb seines Ohres befand. Seine Hände griffen nach Pepes Hintern und zogen ihn so noch dichter an seinen Körper. Isaak seufzte schwer, ehe er sich zögerlich von Pepe löste. Und wieder lag ein Lächeln auf Isaaks Lippen.

„Wanne …“, brachte er heiser heraus.

Pepe beließ es bei einem Nicken. Er hatte keine Ahnung, was mit ihm los war, wieso er plötzlich so tierisch auf Isaak abfuhr, aber es gefiel ihm. Er stieg als erstes ins Wasser, das leicht nach Moschus, Zimt und anderen Gewürzen duftete, und ließ sich seufzend darin nieder. Es tat so gut. Erst jetzt spürte er, wie verspannt seine Muskeln noch von der fortwährenden Anstrengung des Umzugs waren. Für einen Moment hatte er es ganz verdrängt. Er schloss die Augen und wartete darauf, dass sich Isaak zu ihm gesellte. Doch das geschah nicht sofort. Isaak ließ sich Zeit und dann setzte er sich auch nicht hinter ihn oder überhaupt in seine Nähe, sondern schräg gegenüber in die andere Ausformung der bohnenförmigen Wanne, so dass sich nur ihre Beine berührten.

Pepe öffnete die Augen einen Spalt und schaute unter gesenkten Wimpern zu ihm rüber. Isaak hingegen beobachtete ihn ganz offen. Er machte jedoch keine Anstalten, sich ihm zu nähern. Vielleicht wollte er ihm Zeit geben, sich ein wenig zu entspannen und das Bad zu genießen. Eigentlich eine gute Idee. Sie mussten sich ja nicht hetzen. Dennoch konnte es Pepe nicht lassen und strich mit seinem Fuß über Isaaks Wade, was dem ein leichtes Grinsen aufs Gesicht zauberte. Er ließ sich drauf ein und begann mit seinen Füßen zurück zu streicheln.

Das Tempo, das sie vor der Badewanne schon aufgenommen hatten, war damit deutlich gedrosselt. Hätte Isaak sie an dem Punkt nicht getrennt, befände sich Pepe vermutlich bereits auf den Knien vor Isaak und …

Pepe schob den Gedanken aus seinem Kopf und atmete behaglich aus. Nein, ihm gefiel das hier fast noch besser. Er bezweifelte nicht, dass er mit Isaak noch intimer werden würde, aber er hatte plötzlich Lust, es solange hinauszuzögern, bis er es nicht mehr aushielt. Es hing jedoch ganz von Isaak ab und das war ein Faktor, den er immer noch nicht einschätzen konnte.

„Was machst du eigentlich beruflich?“, wollte Isaak plötzlich wissen. Seine großen Hände griffen nach Pepes Fuß und begannen ihn zu massieren. Das fühlte sich so gut an, dass es Pepe ein wenig aus dem Konzept brachte.

„Ähm … ich bin Erzieher und leite eine Kita.“

Isaak schmunzelte. „Das passt.“ Seine Hände strichen ein wenig höher, spielten mit Pepes Knöcheln. Auch das fühlte sich gut an. Pepe schloss die Augen wieder und ließ sich verwöhnen. Auch sein linker Fuß wurde nicht vernachlässigt. Er hätte Isaak gerne etwas zurückgegeben, jedoch war der ein wenig außerhalb seiner Reichweite und er mochte sich nicht bewegen.

„Bist du selbstständig als Innenarchitekt?“, erkundigte er sich.

„Ja, aber nicht allein. Habe ein Büro mit zwei Freundinnen aus dem Studium aufgemacht“, antwortete Isaak. „Und du?“

„Ähnlich. Leite die Kita mit einer Kollegin zusammen.“ Pepe seufzte leise, weil sich Isaak nun seinen verspannten Waden zuwandte. „Gott … tut das gut.“

Isaak lachte. Ein tiefes, leises Lachen. Pepe spürte wie es in seinem Inneren wieder zu kribbeln begann. Seine andere Wade wurde massiert. Dann rutschte Isaak näher zu ihm, legte je eine Hand auf seine Knie und ließ sie an seinen Schenkel aufwärts streicheln. Ehe sie seinen Schritt erreichten, wanderten sie jedoch wieder zurück. Stattdessen strichen sie bis zu Pepes Kniekehlen und hoben sie leicht an, so dass Isaak seine Beine unter Pepes hindurch schieben konnte.

Der ließ sich darauf ein und verhakte seine Füße hinter Isaaks Körper, um ihn gefangen zu nehmen. Er richtete sich auf und rutschte mit seinem Oberkörper dichter an Isaak heran. Der ergriff einem Naturschwamm, der am Rand der Wanne lag, und tauchte ihn ins Wasser ein.

„Badest du häufig?“, erkundigte sich Pepe.

„Nein, so gut wie nie.“

„Scheinst aber ganz gut ausgerüstet.“

„Geschenke zur Einweihung.“ Isaak küsste ihn. Vielleicht, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Pepe beschloss noch mehr zu plappern, wenn er dafür jedes Mal geküsst wurde. Zunächst beließ er es jedoch dabei. Als der Kuss endete, begann Isaak ihn zärtlich zu waschen. Irgendwann entwand Pepe ihm den Schwamm und revanchierte sich. Isaak beobachtete ihn dabei wieder mit diesem Lächeln, das noch mehr in Pepe zum Kribbeln brachte.

Er ließ den Schwamm unter die Wasseroberfläche wandern, strich über Isaaks Bauch und noch tiefer. Isaaks Lächeln verschwand und wich einem leicht geöffneten Mund. Er atmete flacher. Nach einer Weile ließ Pepe den Schwamm los und benutzte seine Hände, um ihn zu verwöhnen.

Den Lippen in ihrem wehrlosen Zustand, konnte er nicht widerstehen: Er reckte sich und zum ersten Mal initiierte er den Kuss. Isaak erwiderte ihn, war aber deutlich abgelenkt. Pepe genoss es und trieb ihn weiter und weiter. Er wollte nicht, dass Isaak schon kam, aber er wollte sehen, ob er ihm ein Stöhnen entlocken konnte.

Letztlich seufzte Isaak tatsächlich, jedoch klang es äußerst frustriert und dann hörte Pepe auch die Ursache: Ein Handy vibrierte und Pepe war sich recht sicher, dass es nicht seins war. Das Geräusch kam aus Isaaks Kleiderbündel.

„Musst du rangehen?“, erkundigte er sich leise.

„Wahrscheinlich die Pizza.“ Isaak zog sacht Pepes Hände von sich fort und stand auf.

„Soll ich nicht lieber gehen?“, schlug Pepe mit Blick auf Isaaks Körpermitte vor. Er konnte ein Grinsen nicht ganz unterdrücken.

Doch Isaak schüttelte nur den Kopf und angelte das Handy aus seiner Hose. Erst dann griff er mit der anderen Hand nach einem Handtuch, während er sich das Handy bereits ans Ohr hielt. „Ja? – Okay, ich mach die Tür auf …“ Er tapste aus dem Badezimmer und hinterließ dabei ein paar Pfützen, während er sich notdürftig mit dem Handtuch abtupfte. Zum Glück hatte er sich das Haar zu einem nachlässigen Knoten hochgebunden, so dass es immerhin nicht allzu nass geworden war.

Nachdem er den Türsummer betätigt hatte, kam er zurück ins Bad, zwinkerte Pepe zu und nahm das Portemonnaie aus seiner Hose. Er fischte sich einen 20-Euro-Schein heraus, presste das Handtuch vor seine Körpermitte und ließ Geldbörse und Handy auf der Hose zurück, ehe er zurück zur Tür ging und gleichzeitig mit dem Boten dort ankam.

Pepe bewunderte den Boten, dem es tatsächlich gelang seine stoische Miene aufrecht zu erhalten, als Isaak ihm das Geld einhändig entgegenreichte und die Pizzakartons entgegennahm. Allerdings sah der Bote ja auch nicht den nackten Hintern, auf den Pepe durch die geöffnete Badezimmertür einen erstklassigen Blick hatte.

„Stimmt so, danke“, meinte Isaak und schloss die Tür. Seine Augenbrauen zuckten, als er sich zu Pepe umwandte, welcher nicht mehr an sich halten konnte und in unmännliches Gekicher ausbrach. Er tauchte unter Wasser, um es zu unterdrücken. Als er wieder auftauchte, wartete Isaak mit einem großen, flauschigen Handtuch auf ihn. „Genug gebadet. Lass uns erst mal was essen.“

Pepe nickte, erhob sich gehorsam und ließ sich von Isaak trocken rubbeln.

„Wollen wir nackt essen?“, fragte Isaak dabei. „Alles was ich dir jetzt zum Anziehen gebe, muss ich dir nachher wieder ausziehen …“

Pepe grinste. „Hab ich da vorhin nicht so eine gemütliche Decke auf deiner Couch gesehen …?“

„Hm ja, die können wir uns teilen.“ Isaak grinste zurück.

Pepe fand ihn gerade ziemlich unwiderstehlich. Das verstärkte sich noch, als Isaak sein Haar aus dem Knoten löste und es samtig weich um seine Schultern fiel. Pepe folgte ihm mit schnellem Herzklopfen in die gemütliche Sitzecke, wo Isaak die Pizzakartons bereits achtlos auf den Couchtisch gelegt hatte.

Lässig ließ sich Isaak auf der Couch nieder und Pepe nutzte seine Beinposition, um sich dazwischen zu setzen und sich an ihn zu schmiegen. Er wusste nicht, ob Isaak das gefiel, doch nach allem schätzte er ihn so ein, dass er es zumindest okay fand. Tatsächlich begehrte Isaak nicht dagegen auf, sondern breitete die Decke um sie herum aus und lehnte sich zurück. „Kommst du an die Pizza?“

„Ja.“ Pepe angelte sich den obersten Karton mit ausgestreckten Arm und öffnete ihn. Zum Glück war die Pizza geschnitten. Zwar würden sie fettige Finger bekommen, jedoch mussten sie nicht die behagliche Couch verlassen, um sich Besteck zu organisieren. Zufrieden nahm Pepe ein Achtel heraus und reichte es an Isaak. Der griff jedoch nicht danach, sondern biss einfach ab.

Oh okay, so funktionierte es natürlich auch und die Geste vernichtete Pepes letzte Zweifel, ob Isaak dieses gemütliche Beisammensein mit ihm überhaupt gefiel. Während sie schweigend die Pizza aßen, Pepe abwechselnd Isaak und sich selbst damit fütterte, wurde er sich bewusst, dass ihm Isaak schon gar nicht mehr so fremd war. Obwohl sie sich erst einen Tag kannten und nicht viel geredet hatten. Es war einfach schön, gleichzeitig aufregend und entspannt. Über Sörens Beziehungsstatus war er gar nicht mehr betrübt, eher froh, dass er dadurch Isaak kennengelernt hatte.

„Bist du satt?“, fragte Isaak, als Pepe schon eine Weile nur noch ihn gefüttert und selbst nichts mehr gegessen hatte.

Pepe nickte.

„Hm.“ Isaak nahm ihm das restliche Stück ab und schmiss es in den Karton zurück. Dann begann er Pepes fettige Finger abzulecken und in seinen Mund zu saugen. Das Gefühl seiner Zunge und seiner warmen Mundhöhle erregten Pepe sofort von neuem. Er drehte sich zu Isaak herum und schlang wie in der Wanne die Beine um ihn.

Eine Weile ließ er ihn noch weiter an seinen Fingern saugen, während sie sich in die Augen sahen. Schließlich zog Pepe jedoch seine Hand zurück und ersetzte sie mit seinen Lippen, die er auf Isaaks Mund presste. Der schlang seine Arme um ihn und ließ sich zusammen mit ihm nach hinten sinken. Die Erregung, die er in der Wanne empfunden hatte, kehrte umgehend zurück.

„Zeigst du mir auch dein Schlafzimmer?“, erkundigte sich Pepe in einer kleinen Atempause.

„Hm … da herrscht absolutes Chaos“, gab Isaak zu und lächelte verschmitzt.

„Stört mich nicht. Solange das Bett frei ist …“

Isaak grinste ihn versonnen an und schüttelte leicht den Kopf. „Ich bezweifle es. Die eine Seite wurde schon recht lang nicht mehr benutzt.“

„Tatsächlich nicht?“

„Nein, bin wählerisch, wen ich in mein Bett lasse.“ Isaak strich langsam mit beiden Händen über Pepes Rücken. „Aber dich könnte ich mir gut darin vorstellen.“

Zwei Geständnisse, die Pepes Hirn wieder in ein Vakuum verwandelten. Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er wusste nur, dass er sich auch sehr gut in Isaaks Bett vorstellen konnte. Er schluckte und lächelte dann etwas verlegen. „Klingt vielversprechend.“

Isaak lächelte zurück. Er zögerte merklich. „Okay … Wenn du mir versprichst, dass wir uns wiedersehen und das hier nichts Einmaliges ist, gehe ich kurz aufräumen.“

Das gefiel Pepe. Es gefiel ihm sogar sehr, wenn er sich ausmalte, dass er vielleicht eine Chance hatte, nicht nur in Isaaks Schlafzimmer, sondern auch in sein Herz zu gelangen. Er hoffte es zumindest sehr, denn Isaak war seinem an diesem einzigen Tag schon sehr nahe gekommen. Daher nickte er. „Ich habe morgen ein paar Freunde zum Plätzchenbacken eingeladen, wahrscheinlich wird niemand kommen, weil sie alle krank sind. Magst du einspringen? Ich könnte dir dann später auch mein Schlafzimmer zeigen.“

„Plätzchen backen“, wiederholte Isaak und rollte sich plötzlich über ihn. „Au ja.“

Sie küssten sich erneut, doch dann stand Isaak auf. Er war längst wieder hart.

„Okay, gib mir eine Minute“, bat er und zwinkerte Pepe zu, ehe er hinter der bisher ungenutzten Tür verschwand.

Der Blick, den Pepe auf das Innere erhaschte, verdeutlichte bereits, wieso Isaak ihn nicht so hinein lassen wollte. Es schienen überall Klamotten herumzuliegen. Schmunzelnd erhob sich auch Pepe und brachte die Pizzaschachteln in den Essbereich. Er hatte nichts gegen Chaoten. Bei ihm selbst lagen hin und wieder auch ein paar Sachen herum. Solange es ansonsten sauber war, störte es ihn nicht.

„Okay, kannst rein kommen“, rief Isaak ihn schließlich.

Gemächlich kam Pepe ins Schlafzimmer. Sein Schmunzeln wich einem leisen, erstaunten: „Oh.“ Das Schlafzimmer übertraf selbst das Badezimmer. Es war ebenfalls geräumig und im Mittelpunkt befand sich ein wahres Paradies aus Kissen und Decken. Es war definitiv das größte Bett, dass Pepe bisher außerhalb des Fernsehens und vielleicht Besichtigungstouren durch alte Schlössern gesehen hatte.

„Ich mag es, wenn ein Raum das ist, was er ist“, erklärte Isaak, der seitlich zu ihm am Schrank stand, nun jedoch auf ihn zukam. „Ein Bad, ein Bad. Ein Wohnraum wirklich zum Leben. Und das Schlafzimmer … nun ja: Ein Bett.“

„Ist dir gelungen.“ Pepe konnte sein Blick nicht so recht von dem Bett lösen. „Und darin schläfst du echt meistens allein?“

„Bis jetzt ja“, gab Isaak zu. Wahrscheinlich war es nicht so geplant gewesen und es erklärte die Vorsicht, mit der sich Isaak ihm näherte. Aber Pepe wollte den Moment nicht ruinieren, indem er nachhakte. Er wollte nicht von solchen Geschichten anfangen. Davon hatte er selbst einige unerfreuliche auf Lager.

„Wie wäre es, wenn wir versuchen das zu ändern“, schlug er leise vor und schloss die Schlafzimmertür hinter sich.

Isaaks Arme legten sich um ihn und es folgte ein langer, zärtlicher Kuss, der nach mehr schmeckte. Es bestand zumindest die Chance auf mehr, auf Plätzchenbacken am nächsten Tag und vielleicht auf eine gemeinsame Zukunft in diesem gigantischen Bett. Mit dem Vertrauen darauf war es für Pepe wunderbar einfach sich fallen zu lassen. In diesem Fall landete er weich in Isaaks Bett. Der betrachtete ihn wieder mit dem Lächeln, ehe er über ihn stieg und leise in sein Ohr flüsterte: „Das würde mir das gefallen.“

Ende


Morgen öffnet Jule das nächste Türchen. Viel Spaß damit!

Kommentare:

  1. Für Pepe und Isaak hat es sich eindeutig gelohnt, dass sie beim Umzug geholfen haben. OK, eigentlich haben sie den Umzug allein gestämmt, aber egal.
    Isaak muss oft enttäuscht und verletzt worden sein, wenn er so vorsichtig mit seiner Partnerwahl ist.

    LG Piccolo

    AntwortenLöschen
  2. Ohhhh, schöööööön! *dahinschmelz*
    Da muss man sich bei dieser Grippewelle ja fast schon bedanken, fraglich, ob die beiden sich sooo nahe gekommen wären, wenn die anderen Helfer dabei gewesen wären. Vor allem hätte Pepe wohl eher Augen für Sören gehabt und Isaak wäre ihm vermutlich gar nicht aufgefallen. Btw: war von DEM Ulrich die Rede? *grins*

    Sehr schöne Geschichte mit wunderbaren Charaktern. Dankeschön!

    Ganz liebe Grüße
    Jule

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Kann sein, dass das der Ulrich ist. ;) Arne hat ihn ja abgesägt, nachdem er ihn mit Boris zusammen entdeckt hat.

      Bin schon gespannt auf das nächste Türchen!
      LG
      Lelis

      Löschen
  3. Oh man wie gerne ich wissen würde wie es mit den beiden weiter geht ://)

    AntwortenLöschen
  4. Charaktere, über die ich gerne mehr lesen würde. Warum sie beide so sind, wie sie sind...
    Ich mag, wenn Räume beschrieben werden, das bringt mir den Protagonisten näher...
    Schöne Geschichte! Sanft, unaufgeregt...
    lg

    AntwortenLöschen
  5. Also ich fänd eine Fortsetzung auch interessant ♥
    War ein tolles Türchen

    AntwortenLöschen
  6. Ohhh ja, die zwei sind ja süß ... kennen wir Ulrich? (den alten Herzensbrecher)

    Die zwei haben sich auf jeden Fall gefunden ♥ absolut niedlich

    LG Katrin

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Jap, den Ulrich könnte man kennen. ;)

      LG

      Löschen
  7. Da komme ich also erst heute dazu, Die für Deine Adventsgeschichte zu danken. Und auch für all Deine anderen wunderbaren Geschichten. Ich wünsche Dir ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Möge Dir die Muse noch viele Ideen für tolle Geschichten schenken.

    Liebe Grüße
    Denise

    AntwortenLöschen
  8. Wow! Also für dieses Bonbon hat es sich wirklich gelohnt, nochmal in Ruhe den Adventskalender durchzugehen und alles nachzuholen, was aufgrund meines Urlaubes nicht tagesaktuell gelesen werden konnte!

    Hut ab! Würde mich riesig freuen, mehr von den beiden zu erfahren :)

    LG,
    Miette

    AntwortenLöschen